Wer nach ultraorthodoxen Juden sucht, meint meist die sogenannten Haredim oder Charedim. Gemeint ist damit keine einheitliche Gruppe, sondern ein vielfältiges Spektrum innerhalb des orthodoxen Judentums, das die Tora, die mündliche Überlieferung und die Halacha besonders verbindlich für den Alltag versteht. Die Bezeichnung „ultraorthodox“ ist dabei vor allem eine Fremdbezeichnung; viele Angehörige bevorzugen Begriffe wie „charedisch“ oder „streng orthodox“.
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Für Deutschland ist eine weitere Unterscheidung wichtig: Orthodoxes Judentum und charedisches Judentum sind nicht dasselbe. Die Orthodoxie umfasst unterschiedliche Richtungen – von modern-orthodoxen bis zu ultraorthodoxen Lebensformen. Zudem lässt sich aus der Zugehörigkeit zu einer orthodoxen Gemeinde nicht automatisch auf die persönliche religiöse Praxis eines einzelnen Menschen schließen.

Was bedeutet „ultraorthodoxe Juden“?
Ultraorthodoxe Juden sind Angehörige des charedischen Judentums. Das hebräische Wort Charedim wird häufig mit „Gottesfürchtige“ wiedergegeben. Die Bewegung entwickelte sich vor allem im Europa des 18. und 19. Jahrhunderts als Reaktion auf Jüdische Aufklärung, Emanzipation und die zunehmende gesellschaftliche Säkularisierung.
Im Mittelpunkt steht eine besonders strenge Orientierung an der Halacha, dem jüdischen Religionsrecht. Grundlage sind die schriftliche Tora und die rabbinische Überlieferung, zu der unter anderem der Talmud und spätere halachische Auslegungen gehören. Religiöse Vorschriften betreffen deshalb nicht nur den Gottesdienst, sondern viele Bereiche des täglichen Lebens.
Wichtig ist dabei: „ultraorthodox“ beschreibt nicht automatisch eine bestimmte politische Haltung oder einen einzigen Lebensstil. Unter den Haredim existieren unterschiedliche Gemeinschaften, Traditionen und religiöse Autoritäten.
Wie unterscheidet sich charedisches vom übrigen orthodoxen Judentum?
Das orthodoxe Judentum ist deutlich vielfältiger, als der Begriff „ultraorthodox“ vermuten lässt. Eine grobe Unterscheidung besteht zwischen modern-orthodoxen und charedischen Ausrichtungen, wobei auch innerhalb dieser Kategorien zahlreiche Unterschiede bestehen.
Der zentrale Unterschied liegt weniger in einem einzelnen Kleidungsstück oder einer bestimmten Vorschrift als in der Frage, wie das Verhältnis zwischen traditioneller jüdischer Lebensweise und moderner Gesellschaft gestaltet wird.
Modern-orthodoxe Juden verbinden beispielsweise religiöse Verpflichtungen mit akademischer Ausbildung und gesellschaftlicher Teilhabe. In der deutschen Tradition wird häufig auf das Konzept „Tora im Derech Eretz“ verwiesen, das religiöse Lebensführung und moderne Bildung miteinander verbinden wollte.
Charedische Gemeinschaften legen dagegen besonderen Wert darauf, jüdisches Leben möglichst umfassend nach traditionellen religiösen Normen zu gestalten. Das kann sich auf Schule, Familienleben, Kleidung, Ernährung, Geschlechterrollen, Mediennutzung und den Umgang mit der säkularen Gesellschaft auswirken.
Dabei sollte man Verallgemeinerungen vermeiden: Nicht jeder Haredi lebt identisch, und auch innerhalb charedischer Gemeinschaften gibt es unterschiedliche Traditionen.
Wie leben ultraorthodoxe Juden im Alltag?
Der Alltag charedischer Juden ist stark von religiösen Regeln und gemeinschaftlichen Strukturen geprägt. Besonders wichtig ist die Einhaltung der Halacha. Dazu gehören unter anderem Regeln für den Schabbat, koschere Ernährung, Gebet, Familienleben und religiöse Feiertage.
Schabbat
Der Schabbat beginnt am Freitag vor Sonnenuntergang und endet am Samstagabend. Für streng religiöse Juden gelten zahlreiche Vorschriften darüber, welche Tätigkeiten während dieser Zeit erlaubt sind. Deshalb kann der Schabbat den gesamten Tagesablauf einer Familie prägen.
Tora- und Talmudstudium
Das Studium religiöser Texte besitzt in vielen charedischen Gemeinschaften einen besonders hohen Stellenwert. Für Männer kann das intensive Studium der Tora und des Talmuds einen großen Teil des Lebens ausmachen. Das bedeutet allerdings nicht, dass alle ultraorthodoxen Männer lebenslang ausschließlich studieren oder keiner Erwerbsarbeit nachgehen. Solche Darstellungen sind zu pauschal.
Familie und Gemeinschaft
Familie und religiöse Gemeinschaft haben häufig eine zentrale Bedeutung. Kinder wachsen vielfach in Einrichtungen auf, in denen religiöse Bildung einen großen Stellenwert besitzt. Gleichzeitig unterscheiden sich die konkreten Schulsysteme, Bildungswege und Familienmodelle je nach Gemeinschaft und Land.
Warum tragen manche ultraorthodoxe Juden schwarze Kleidung?
Die auffällige Kleidung bestimmter Haredim ist eines der bekanntesten äußeren Merkmale. Schwarze Anzüge, Hüte oder besondere traditionelle Kleidungsformen werden vor allem mit verschiedenen chassidischen und nicht-chassidischen charedischen Gruppen verbunden.
Die Kleidung hat jedoch keine universelle Bedeutung für alle ultraorthodoxen Juden. Sie kann religiöse Bescheidenheit, Gruppenzugehörigkeit oder die Bewahrung einer bestimmten historischen Tradition ausdrücken.
Auch bei Frauen existieren je nach Gemeinschaft unterschiedliche Vorstellungen von Kleidung und Bedeckung. Deshalb wäre es falsch, aus dem Aussehen einer Person sicher auf ihre genaue religiöse Gruppenzugehörigkeit zu schließen.
Welche Gruppen gibt es unter den Haredim?
„Haredim“ ist ein Sammelbegriff. Zu den bekanntesten Strömungen gehören chassidische und nicht-chassidische, häufig litauisch geprägte Gemeinschaften. Darüber hinaus gibt es sefardisch-charedische Traditionen mit eigenen religiösen Autoritäten und Bräuchen.
Auch der Begriff Chassidismus darf nicht mit „ultraorthodox“ gleichgesetzt werden. Chassidische Gemeinschaften bilden einen wichtigen Teil des charedischen Spektrums, aber nicht jeder Haredi ist Chassid.
Eine besondere Rolle spielt Chabad-Lubawitsch. Chabad ist eine chassidische Bewegung mit internationalem Netzwerk. In Deutschland ist sie seit Jahrzehnten aktiv und unterhält heute Zentren in zahlreichen Städten. Chabad richtet religiöse und soziale Angebote ausdrücklich an Juden mit unterschiedlichen Hintergründen.
Gerade deshalb sollte man Begriffe wie „orthodox“, „ultraorthodox“, „chassidisch“ und „Chabad“ nicht synonym verwenden.
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Ultraorthodoxe Juden in Deutschland
Das jüdische Leben in Deutschland ist religiös und kulturell vielfältig. Die Bundeszentrale für politische Bildung beschreibt die deutsche Orthodoxie als ein breites Spektrum, das von modern-orthodox bis ultraorthodox sowie von zionistisch bis mystisch reicht.
Historisch wurde das jüdische Leben in Deutschland durch die Schoa nahezu vollständig zerstört. Nach 1945 entstand zunächst eine kleine jüdische Gemeinschaft neu. Durch die Zuwanderung aus der ehemaligen Sowjetunion und anderen Teilen Osteuropas wuchs das jüdische Leben in Deutschland insbesondere seit den 1990er-Jahren wieder deutlich. Gleichzeitig entstanden erneut unterschiedliche religiöse Angebote und Institutionen.
Für das orthodoxe Judentum gibt es in Deutschland heute auch eine eigene institutionelle Struktur. Die Orthodoxe Rabbinerkonferenz Deutschland (ORD) gehört neben der Allgemeinen Rabbinerkonferenz zu den beiden Rabbinerkonferenzen des Zentralrats der Juden in Deutschland. Die ORD vereint orthodoxe Rabbiner und befasst sich unter anderem mit religionsrechtlichen Fragen.
Eine exakte aktuelle Zahl ausschließlich für Haredim in Deutschland lässt sich aus den öffentlich verfügbaren offiziellen Gemeindestatistiken nicht zuverlässig ableiten. Das ist wichtig, weil jüdische Gemeindestatistiken in der Regel nicht einfach nach „ultraorthodox“ aufgeschlüsselt werden. Eine häufig zitierte ältere Schätzung sollte daher nicht ohne zeitliche Einordnung als aktuelle Zahl verwendet werden.
Deutschland verfügt inzwischen über ein weit verzweigtes jüdisches Gemeindeleben. Der Zentralrat der Juden führt einen Gemeindefinder mit Gemeinden und Einrichtungen von Norddeutschland bis Bayern und von West nach Ost.
Was man über ultraorthodoxe Juden häufig falsch versteht
Viele Vorstellungen über Haredim entstehen durch Bilder aus Jerusalem, Bnei Brak oder New York. Diese Bilder können einen Teil der Realität zeigen, sind aber nicht automatisch auf Deutschland übertragbar.
Erstens: Nicht jeder orthodoxe Jude ist ultraorthodox. Orthodoxie umfasst unterschiedliche religiöse Richtungen.
Zweitens: Nicht jeder Haredi sieht gleich aus. Kleidung kann Hinweise auf eine bestimmte Gemeinschaft geben, ist aber kein zuverlässiger Beweis für die genaue religiöse Identität.
Drittens: Ultraorthodoxe Juden sind keine politisch einheitliche Gruppe. Religiöse, gesellschaftliche und politische Einstellungen können erheblich voneinander abweichen.
Viertens: Charedische Gemeinschaften sind nicht weltweit identisch. Das Leben eines Haredi in Israel kann sich beispielsweise deutlich von dem eines charedischen Juden in Deutschland oder den USA unterscheiden.
Fünftens: Eine jüdische Gemeinde mit orthodoxem Rabbinat besteht nicht automatisch ausschließlich aus streng religiösen Mitgliedern. Die bpb weist ausdrücklich darauf hin, dass Gemeindezugehörigkeit und persönliche religiöse Praxis nicht dasselbe sind.

Warum sind Haredim in Israel besonders häufig Thema?
Wenn in deutschen Medien von „Ultraorthodoxen“ die Rede ist, geht es häufig nicht um Deutschland, sondern um Israel. Dort stellen Haredim eine große gesellschaftliche Gruppe dar und spielen auch politisch eine wichtige Rolle.
Ein aktuelles Beispiel ist der Streit um den Militärdienst. 2026 kam es in Israel erneut zu massiven Protesten ultraorthodoxer Juden gegen die Einbeziehung von Haredim in die Wehrpflicht. Der Konflikt berührt Fragen von Religion, Staat, Gleichbehandlung und der gesellschaftlichen Verteilung von Pflichten.
Die politische Bedeutung der Haredim in Israel sollte jedoch nicht mit der Situation ultraorthodoxer Juden in Deutschland gleichgesetzt werden. In Deutschland bilden sie eine kleine Teilgruppe innerhalb einer insgesamt vielfältigen jüdischen Bevölkerung und verfügen über einen völlig anderen gesellschaftlichen und politischen Kontext.
Häufig gestellte Fragen
1. Was sind ultraorthodoxe Juden?
Ultraorthodoxe Juden, auch Haredim oder Charedim genannt, gehören zu streng religiösen Richtungen des orthodoxen Judentums. Die Halacha und traditionelle jüdische Lehren haben für ihr Leben eine besonders hohe Verbindlichkeit.
2. Sind Haredim und orthodoxe Juden dasselbe?
Nein. Haredim sind eine Gruppe innerhalb des orthodoxen Judentums. Zur Orthodoxie gehören auch andere Richtungen, etwa das modern-orthodoxe Judentum.
3. Warum werden sie „Haredim“ genannt?
„Haredim“ ist die hebräische Bezeichnung für Angehörige des charedischen Judentums und wird sinngemäß mit „Gottesfürchtige“ übersetzt.
4. Sind alle ultraorthodoxen Juden Chassidim?
Nein. Chassidische Gruppen sind ein Teil des charedischen Spektrums. Daneben gibt es unter anderem nicht-chassidische und sefardisch-charedische Gemeinschaften.
5. Gibt es ultraorthodoxe Juden in Deutschland?
Ja. In Deutschland gibt es charedische Juden und entsprechende religiöse Strukturen. Die bpb beschreibt das orthodoxe Spektrum in Deutschland ausdrücklich als von modern-orthodox bis ultraorthodox reichend.
6. Wie viele ultraorthodoxe Juden leben in Deutschland?
Eine belastbare aktuelle offizielle Gesamtzahl speziell für Haredim in Deutschland ist öffentlich nicht eindeutig ausgewiesen. Deshalb sollte man ältere Schätzungen nicht ohne Weiteres als heutige Bevölkerungszahl verwenden.
7. Sind Chabad und ultraorthodoxes Judentum dasselbe?
Chabad-Lubawitsch ist eine chassidische Bewegung innerhalb des orthodoxen Judentums und hat auch in Deutschland zahlreiche Zentren. „Chabad“ und „ultraorthodox“ sind deshalb keine völlig gleichbedeutenden Begriffe.
Conclusion
Ultraorthodoxe Juden beziehungsweise Haredim bilden keine einheitliche Gemeinschaft, sondern ein vielfältiges Spektrum innerhalb des orthodoxen Judentums. Kennzeichnend sind die besonders verbindliche Orientierung an Tora und Halacha sowie religiöse Gemeinschaftsstrukturen, die viele Bereiche des täglichen Lebens prägen können.
In Deutschland ist die Situation differenzierter, als manche Darstellungen vermuten lassen. Es gibt charedische Gemeinschaften, orthodoxe Rabbiner und religiöse Einrichtungen, zugleich aber ein breites jüdisches Spektrum von liberalen über konservative bis zu verschiedenen orthodoxen Richtungen. Eine seriöse Betrachtung sollte deshalb zwischen orthodox, ultraorthodox, chassidisch und Chabad unterscheiden.
Wer sich mit jüdischem Leben in Deutschland beschäftigt, sollte außerdem aktuelle Entwicklungen und regionale Unterschiede berücksichtigen. Gerade bei Zahlen zur Größe einzelner religiöser Gruppen ist Vorsicht angebracht, wenn keine aktuelle und belastbare Statistik vorliegt.
